An Tagen wie diesen...

Der Herbst ist da. Morgens sind's nur noch 6° und wir müssen unser Arbeitsoutfit wieder auf kühlere Temperaturen umstellen: zwei Leggins, Regenhose, warme Schuhe, Schal oder Mütze. Ach, wie schön! Der Wind weht kräftig, der Himmel ist häufiger mal bedeckt, die Luft ist klar, neulich hat's den ganzen Sonntag durchgeregnet. So eine Freude! Klar, auch ein Grund zu meckern über die kalten Hände beim Ernten und die ständige Herbst-Müdigkeit, aber auch wirklich schön, dass nun alles wieder ein bisschen ruhiger wird. Nach so einem Sommer!

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Ich hatte mich darauf eingestellt, dass ab Mai die Arbeit mehrere Monate lang an erster Stelle stehen würde. Aber die persönlichen, gesundheitlichen Krisen und die große Trockenheit in diesem Sommer haben zwischen Mitte Mai und August dazu geführt, dass der Ausnahmezustand der Normalzustand bei uns war. Das enge Zusammenleben und -arbeiten auf unserem Hof führen dazu, dass wir sehr nah an den Emotionen der Anderen dran sind. Zeitweise habe ich auf die Frage "Wie geht es dir?" mit "Also Jochen geht's... und Johanna macht..." geantwortet. Beide haben sich existenziellen Fragen und Herausforderungen gestellt, die auch bei mir und uns Anderen ihre Spuren hinterlassen haben. Lisa und ich haben einen großen Sprung in der übernahme der alltäglichen Verantwortung gemacht, helfende Hände auf dem Acker koordiniert und eingelernt sowie dafür gesorgt, dass die Pflanzen in der Hitze nicht schlapp machen. Wegen der Trockenheit habe ich jedes Wochenende en detail mit allen anderen Hofmitgliedern abgesprochen, um zu klären, wer wann für die Bewässerung sorgen kann (alle 1,5-2 Stunden müssen die Sprenger umgestellt werden). So eng waren anderen Menschen noch nie in mein Privatleben involviert! Die Wochenenden, an denen ich nicht bewässert habe und den Hof verlassen konnte, belaufen sich zwischen Mitte April und Ende August (die "Trockenzeit") auf 4.




Nun - Ende September - läuft das Leben schon wieder in geordneteren Bahnen. Eingeleitet wurde diese Phase der Entspannung durch die Hochzeit von Johanna und Jochen Ende August. Klein gehalten und sehr bewusst gestaltet war dieser Tag mit der anschließenden spontanen Feier ein fröhlicher übergangspunkt zwischen Sommer und Herbst und all den damit verbundenen Emotionen. Jetzt schaffen wir es wieder, wöchentlich ein Plenum zu machen. Die Lagerernte hat mit dem Einbringen der Zwiebeln und dem Abernten der ersten Kürbisparzelle begonnen. Wir räumen die Kulturen von den Beeten, deren Zeit nun vorbei ist (Gurken, Mais, alte Bohnensätze) und säen Gründüngung aus. Die Pflanzen wachsen bei den niedrigen Temperaturen viel langsamer, das "Unkraut" zum Glück auch. Und die Wintersalate wie Feldsalat und Postelein werden gepflanzt. Auf die Frage "Wie läufts so bei euch?" antworte ich jetzt "Ein richtig gutes Jahr. Super Gemüse, richtig groß, richtig viel, kaum Krankheiten. War anstrengend mit der Bewässerung, aber dem Wachstum des Gemüses hat die Hitze echt gut getan." Da muss ich dann innerlich immer drüber lachen. Denn die Erfahrungen des Sommers fange ich erst jetzt an, richtig zu verdauen. Und alle hier sind individuell und gemeinsam sehr beschäftigt mit den Fragen, die dabei so aufgeworfen wurden.

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Unser Stresslevel erhöht hat übrigens auch der Umstand, dass uns im August und September durchgehend Kisten gefehlt haben, in die wir das geerntete Gemüse packen und nach Berlin liefern. In weiser Vorraussicht hatten wir zum 25. Juli eine ganze Palette neuer Kisten bestellt und trotzdem mussten wir bei jeder Ernte hin- und herplanen, stopfen, umpacken, zusammen werfen, Prioritäten setzen und einiges auch nicht ernten, um mit den zur Verfügung stehenden Kisten auszukommen. Dabei haben wir schon im letzten Jahr Kisten nachgekauft! Es müssen also welche verschwinden. Das ist schade, weil wir trotz der Nähe und dem guten Kontakt zu unseren Solawist_innen nicht darauf vertrauen können, dass alle Kisten wieder hier landen. Letztlich zahlen das dann alle, die von uns Gemüse beziehen und wir haben Stress beim Ernten. Jetzt zählen wir die ausgehenden und eingehenden Kisten und hoffen so einen besseren überblick über das Kisten Leak zu bekommen.

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Gleichzeitig beginne ich erst, die Kontakte und die Beziehungen zu unseren Solawist@s richtig zu verstehen und wertzuschätzen. Uns erreichte eine ganze Welle an Mitgefühl und Unterstützungsangeboten, nachdem Johanna die letzten Nachrichten vom Hof versendet hat. Unsere Mitglieder in der Region haben uns alle zwei Wochen etwas zum Mittag essen vorbeigebracht, um uns zu entlasten. Andere kamen kurz oder länger zum Helfen vorbei. Auf unsere Anfrage nach einem gebrauchten PC für unsere Buchhaltung haben sich gleich zwei Menschen gemeldet, die uns einen zukommen lassen können! Vielen Dank dafür und für eure Anteilnahme! Und nun wieder auf den Acker und die vorletzten Teekräuter ernten...

Geht's noch?

Angefangen haben wir 2016 mit den Nachrichten vom Hof, um Mitgliedern und Interessierten einen Einblick in das Geschehen unseres Hofes zu geben. Das gehört zu unserer Idee einer Landwirtschaft, in der Kontakt und Beziehung zu den Mitgliedern, das Vertrauen und die Solidarität mit im Vordergrund stehen, dazu. Trotzdem haben wir uns seit über einem halben Jahr nicht mehr auf diesem Wege zu Wort gemeldet.
Jedes Jahr des Auenhofes war auf seine Weise von großen Herausforderungen, Hingabe, Zweifeln und Mut geprägt. Aber dieses ist außergewöhnlich heftig. Jochen und ich hatten, seit wir uns auf unserem ersten Lehrbetrieb kennen gelernt hatten, vom eigenen Hof geträumt. Allein allerdings wollten wir das nicht machen, wir wollten Arbeit und Verantwortungen auf mehrere Schultern verteilen, und so hatten wir Nico und Micha gefunden - und doch waren wir am Anfang des dritten Auenhofjahres nur noch zu zweit. Zwar war Anne da und wichtiger Teil unseres Zusammenlebens und der gemeinsamen Arbeit geworden, die Verantwortung fiel jedoch uns allein zu. Ob wir das schaffen würden, konnten wir nicht wissen. Den Herbst und Winter verbrachten wir vor allem damit, Mitstreiter zu suchen (ohne Erfolg), und uns um eine neue Rechtsform, die Anbauplanung und den neuen Etat zu kümmern. Das Ringen um den Etat war uns jedes Jahr sehr an die Substanz gegangen, denn wir mussten immer wieder entscheiden, ob und zu welchen Konditionen die SoLawi Auenhof überhaupt möglich ist. Jedes Jahr gab es bisher in diesem Prozess den Moment, an dem wir nicht wussten, ob ein Weitermachen sinnvoll war. Aber - wir wollten weiter machen. Was sonst?

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Ins Jahr 2018 starteten wir durch die Umbrüche schon etwas erschöpft - und trotzdem voller Lust: während wir Gärtner uns im Sommer auf einen ruhigeren Winter freuen, kribbelt es uns im Frühling in den Fingern: wann geht's endlich los? Die ersten keimenden Aussaaten (meistens Auberginen) auf der Küchenfensterbank sind in ein großes Highlight. Lisa zog als neuer Lehrling ein, unser neuer Träcker hatte seine Jungfernfahrt, so begann das Gartenjahr.

Gleichzeitig sahen wir den Mai und Juni bedrohlich auf uns zukommen. In diesen Monaten ist immer überviel zu tun, weil die vorgezogenen Gemüsepflänzchen gleichzeitig mit dem Unkraut explodieren: alles muss scheinbar gleichzeitig ausgepflanzt werden, und danach gut gepflegt, damit wir es nicht gleich wieder ans Unkraut verlieren. Währenddessen stehen die Aussaaten für die Lagerkulturen an, die, zu spät gesät, zur Ernte im Herbst, nichts mehr werden. Mit ein paar Helfern schafften wir es einigermaßen. Wir verloren einen Teil der Pastinaken und die Mairüben, aber das lässt sich verschmerzen. Wir begannen außerdem, wie die Bescheuerten zu bewässern, denn es wurde heiß und trocken und kein einziges Gemüse wäre auf unseren Tellern gelandet, hätte es nicht regelmäßig die rettenden Tropfen unserer Kreisregner abbekommen. Seitdem bewässern wir, mit einer einzigen Ausnahme, 7 Tage die Woche.

Mitte Mai hatten wir eine Fehlgeburt, wenige Tage darauf erfuhren wir, dass Jochen Hautkrebs hat. Unsere Welt war in kurzer Zeit zweimal in ihren Grundfesten erschüttert.

Der Auenhof lief weiter, und die Pflanzen legten keine Pause ein, um uns Luft holen zu lassen. Die Sonne brannte unermüdlich. Anne und Lisa und einige Freunde, und nach einiger Zeit auch ein Betriebshelfer, den wir von der Kasse zugestanden bekamen, hielten den Betrieb am Laufen. Jochen und ich kümmerten uns um seine Krankheit.

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Ich versuchte, alles am Laufen zu halten und die Verantwortung an allen Fronten zu tragen. Jochen, Erwin, die Lehrlinge, der Hof, die Mitglieder, den Acker. Wir waren noch in der kritischen Zeit, wo den Anschluss verlieren heißt, den Rest des Jahres weniger ernten, einlagern und ausliefern zu können. Immer wieder fühlte ich mich auch unendlich glücklich um fünf Uhr morgens bei der Arbeit. Aber immer wieder fühlte ich mich mittags ausgelaugt und überfordert. Die Verantwortung war von ehemals 4 Gärtnern auf mich zusammengeschrumpft. Eine Stunde ackern ist etwas anderes als eine Stunde ackern mit Verantwortung. To-Do-Listen waren mein inneres Schlaflied und der Ohrwurm mit dem ich aufwachte.


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Nach einigen weiteren Wochen war Ende. Ende Ende.
Es ging nicht mehr. überlastung, Müdigkeit, Erschöpfung, Ängste holten mich ein und zwangen mich in die Knie.

Jochen seinerseits genest und wird nun langsam wieder in die verantwortliche Rolle hineinwachsen, die ich habe aufgeben müssen. Den Hof am Laufen zu halten.

Nun bleiben vor allem Fragen. Ich wollte immer zeigen, dass ein nachhaltiges Wirtschaften in der Landwirtschaft gelingen kann. Dass Arbeitsbedingungen fair sein, dass Höfe vielfältig und Orte der Begegnung sein, und Menschen Menschen sein können. Ich wollte meinen Anspruch, am Wandel mitzuarbeiten, mit meiner Leidenschaft Gärtnern und meinen persönlichen Bedürfnissen wie Familie, Gemeinschaft, Schönheit und Sicherheit in Einklang sehen. Das, dachte ich, geht mit der solidarischen Landwirtschaft. Aber geht es?

Jeder rührt sein Süppchen und das Menü heißt Auenhof im Winter

Ja, er wurde ein bisschen ruhiger, der November, und war doch von einigen eindrücklichen Ergebnissen geprägt:

Nach der "Novembertagung" der freien Ausbildung, wo wir alljährlich unser Wissen erweitern und vor allem Freunde und Bekannte aus unseren
Lehrjahren treffen, unternahmen wir eine Begehung über die Fläche, die wir als Ablöse von unserem Acker in einiger Zeit werden pachten können, und waren positiv überrascht: so karg und sandig wie wir befürchtet hatten, ist sie gar nicht. Wir freuen uns sehr, dass zwei Menschen aus dem Dorf, in dem wir erst vor knapp 2 Jahren als "Ökos" gelandet sind, unsere Sache gut finden und uns unterstützen wollen.

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Anne, schon letztes Jahr ein großer Fan unserer Chilipaste, und ich machten uns kurz darauf an die große Chili-Aktion: Chilis von den zuvor geernteten Büschen pflücken, Zutaten schneiden, alles durch den Fleischwolf drehen und Öl hinzugeben. Da ich mich nach einigen Stunden einem Magendarmvirus beugen und ins Bett schleichen musste, machte sich Anne danach ganz allein um die Chilis verdient. Auch die zweite Aktion im Dezember stemmte sie allein und verdient dafür die goldene Chilischote!


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Und noch jemand hat im November mit einer tollen Aktion für unserer aller Freude gesorgt: während Jochen, Erwin und ich an meinem Geburtstag entspannt in der Therme rumdümpelten, zog Nico im Alleingang mithilfe eines Nachbarn die Gewächshausplane auf. Es war der einzige sonnige und etwas wärmere Tag, und am Abend zuvor verkündete er "jetzt oder nie!". Als wir am Abend heimkehrten war hinter seinen Fenstern schon alles dunkel - er war nach dem anstrengenden Tag einfach ins Bett gefallen...

Ich habe im November vor allem im Haus zu tun gehabt. Ende November kam ein Laster mit Möbeln von meiner Oma an, und ihr haben wir nun unser neues, gemütliches Büro zu verdanken. Das lohnt sich, denn Winterzeit ist Bürozeit, und hier hat Jochen es sich hartnäckig um besonders zähe, und von Gärtnern stets ungeliebte, Arbeit verdient gemacht: die geduldige Auseinandersetzung mit Behörden und Ämtern, Formularen, telefonieren, fragen und nochmal nachfragen. Ein Hoch!

Währenddessen durfte ich dem Ofenbauer eine Woche lang zur Hand gehen: „Johanna, schneid den mal auf 14.“, „ich brauch mal ne 1,5er Scheiblette“, „Ist eigentlich noch Mische da?“... Ich schnitt Ziegel, rührte Lehm und nach einigen Tagen bekam ich die Gelegenheit, das erste Mal selbst zu mauern. Gleichzeitig traf ich die wichtigsten Entscheidungen im Gestalterischen. Ich war Bauherrin und Knecht in einem, und ging darin für 8 Tage auf.


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Nach der extragroßen Weihnachtslieferung verstreuten wir uns, um die Feiertage auf jeweils eigene Weise zu verbringen, und um im neuen Jahr wieder aufeinanderzutreffen und den Übergang ins nächste SoLawi-Jahr, ohne Nico aber hoffentlich mit neuen Menschen, zu gestalten.